Methodik

A. Methodische Prinzipien

Einbeziehung der Paarebene

Eine Besonderheit systemisch-lösungsorientierter Begutachtung besteht darin, dass die Paarebene in die Begutachtung mit einbezogen wird, auch wenn sie formal nicht Verfahrensgegenstand ist. In den meisten Fällen wird sie gleich zu Anfang bereits von den Elternteilen selbst eingebracht, was ihre persönliche Wichtigkeit bezeugt und ihre zentrale Bedeutung für eine nachhaltige Befriedung unterstreicht. Daher widmet sich der SV ihr sowohl bei den Einzelgesprächen als auch im gemeinsamen Elterngespräch. Erst danach geht er zur Elternebene und damit zum Verfahrensgegenstand ‚Streit ums Kind’ über.

 

Allparteilichkeit

Die subjektiven Sichtweisen der beiden Erwachsenen zur Trennung sind, obwohl meist höchst unterschiedlich, in der Regel beide wahr. Sie werden einerseits vom SV empathisch nachempfunden, gleichzeitig aber auch im Hinblick auf die Reaktionen, die sie beim Anderen auslösen, offen hinterfragt. Auf diese Weise werden die beidseitigen Überzeugungen, selbst Opfer zu sein und im Anderen den Täter zu sehen, aufgeweicht und damit einander zugänglicher gemacht. Dieses Vorgehen erfordert vom SV ein hohes Maß an Feinfühligkeit und Sensibilität. Es fällt nicht leicht, einerseits die Überzeugungen eines Elternteils zu achten und gleichzeitig der gegenteiligen Ansicht Geltung zu verschaffen. Dazu bemüht sich der SV um eine von Wertschätzung geprägte Arbeitsbeziehung. Diesen dialektischen Prozess bezeichnet man als „Allparteilichkeit“. Er darf weder mit einseitiger Parteinahme noch mit Neutralität verwechselt werden.

 

Trennungswissen über Erwachsene und Kinder

Zum einen klärt der SV das gescheiterte Paar über Typik und Besonderheiten von Trennungsverläufen auf Paarebene auf. Das soll die Überzeugung von der Einzigartigkeit und außergewöhnlichen Schwere des eigenen Falles relativieren. Zum anderen informiert er es als Eltern über die zahlreichen Unterschiede zwischen Trennungskindern und Kindern aus intakten Familien.

 

Dazu zählen:

  • Elternstreit als psychische Bedrohung
  • Gleichzeitiges Bekenntnis zu beiden Eltern
  • Situative Emotionalität und Parteilichkeit
  • Instrumentalisierung (Beeinflussbarkeit)
  • Loyalitätskonflikte
  • Entfremdung (Ablehnung eines Elternteils) als Strategie zur Konfliktreduktion
  • Ent-Emotionalisierung von Eltern-Kind-Beziehungen
  • Kindliche Leugnung von Ich-Beteiligung
  • Psychosomatik und Entwicklungsstörungen
  • Kinderaussagen in Spannungskontexten

 

Ziel dieser Aufklärung: Eltern sollen die typischen Ängste, Befürchtungen und sonstige Belastungen eines „Trennungskindes“ kennen und verstehen lernen. Dabei zeigt der SV ihnen – häufig zum ersten Mal – auf, dass sie viele Verhaltensweisen nicht nach den Regeln der Erwachsenenlogik deuten dürfen (z. B. Kindeswillen, Entfremdung), sondern aus Kindersicht verstehen lernen müssen. Zugleich wird ihnen damit verdeutlicht, dass die kindliche Perspektive auf Familie sich auf ein Sicherheit und Geborgenheit vermittelndes, einzigartiges und in der Regel nicht austauschbares Beziehungsnetzwerk bezieht. Das soll ihnen helfen, gemeinsam auf den Weg verantwortungsbewussten Elternhandelns zurückzufinden.

 

Verzicht auf psychologische Testverfahren

Die bekannten psychologischen Testverfahren sind ungeeignet, zur Beantwortung familiengerichtlicher Fragestellungen effektiv beizutragen. Wissenschaftlichen Gütekriterien zum Nachweis ihrer Nützlichkeit genügen sie bestenfalls eingeschränkt. Insbesondere fehlt ihnen jegliche Validität, d. h. es bestehen keine nachweislichen Zusammenhänge zwischen Testbefunden und gerichtlicher Fragestellung. Da ein systemisches Familienverständnis zugrunde gelegt wird, sind Persönlichkeitsunterschiede zwischen Familienmitgliedern allerdings ohnehin nur von untergeordneter Bedeutung. Im diagnostischen Fokus stehen interaktive Beeinflussungsprozesse auf allen Seiten, Kinder eingeschlossen.

 

 

B. Begutachtungsverlauf

Einzelgespräche

Sie stehen am Anfang des Aufbaus einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung. Dazu werden die Gespräche üblicherweise in der jeweiligen häuslichen Lebenswelt geführt. Dort werden nach Möglichkeit auch die Kinder kennengelernt. Lebt ein Elternteil mit neuem Partner zusammen, wird dieser im Verlauf der Begutachtung später mit einbezogen. Das gilt ggf. auch für andere Angehörige von Bedeutung (z. B. Großeltern).

 

Kinderexploration

Häufig spricht der SV mit dem Kind in einem positiv besetzten Umfeld außerhalb der Elternhäuser (Eiscafé, Fastfood-Restaurant, Spielplatz). Als verständnisvoller und interessierter Gesprächspartner zeigt er dem Kind, dass er sich in seine psychische Lage gut einzufühlen versteht, sagt ihm Hilfe und Unterstützung zu, zeigt aber auch den Sinn von Regeln und Orientierung auf. Er entlastet es von jeglicher Verantwortung für den Elternkonflikt, zeigt ihm ggf. aber auch seine eigenen Anteile an der Konfliktdynamik auf, beispielsweise bei Kontaktabbruch von älteren Kindern, wenn sie dem abgelehnten Elternteil gegenüber abwertend auftreten. Seine im Kontakt mit dem Kind gesammelten Erkenntnisse bringt der SV anschließend in die Gespräche mit den Eltern ein, um sie unter Berufung auf diese ganz konkrete Erfahrung zur kindgemäßen Gestaltung der Nachtrennungsfamilie anzuhalten und sie dabei zu unterstützen.

 

Interaktionsbeobachtung

Da Eltern in den Einzelgesprächen ihre subjektive Sicht der familialen Verhältnisse und seiner Ursachen zum Ausdruck bringen, ist ihre Darstellung stets hochgradig interpunktionsgesteuert, d. h. subjektiv verzerrt. Meist stehen sich ihre Schilderungen diametral gegenüber, das betrifft häufig auch ihre jeweilige Sicht der Eltern-Kind-Beziehungen. Aussagen und Verhalten des Kindes selbst sind dagegen keineswegs automatisch zugleich Spiegelbilder seiner tatsächlichen Meinungen und Gefühle gegenüber den Eltern. Trennungskinder sind selten unbeeinflusst, das betrifft ihren Lebensmittelpunkt ebenso wie ihre Beziehungswünsche in Bezug auf den nicht betreuenden Elternteil. Beide Themen sind häufig mit völlig konträren elterlichen Erwartungen an ihr Kind verbunden, womit dessen Verhalten im familiengerichtlichen Rahmen eher Ausdruck von Instrumentalisierung denn Indiz authentischer Wünsche ist.
Deshalb sucht der Sachverständige für die Interaktionsbeobachtung nach einem möglichst natürlichen Umfeld. Dafür bieten neben den elterlichen Wohnungen auch Spielplätze, Spaziergänge, Eisdielen, Fastfood-Restaurants u. ä. m. – Orte, an denen das Kind einem Elternteil allein begegnet – häufig treffende Rahmenbedingungen. Im lebensnahen Umgang von Kind und Elternteil – verbal, vor allem aber auch körpersprachlich – wird meist schnell deutlich, ob der geäußerte Kindeswillen tatsächlicher Beziehungsqualität entspricht oder erheblich davon abweicht. Insofern sind systemisch-lösungsorientiert angelegte Interaktionsbeobachtungen von erheblichem diagnostischen Wert. Zwar liefern weder Übereinstimmung noch Diskrepanz zwischen Wort und Verhalten allein aus sich heraus hinreichende Erklärungen, aus fachlicher Sicht sind solche Widersprüche jedoch regelmäßig wertvolle Hilfen für die Konsensbemühungen eines Sachverständigen.
Daneben hat eine systemisch angelegte Interaktionsbeobachtung aber auch noch eine zweite, prozessdiagnostische Seite. Über die Dokumentation von Umgangskontakten per DVD, Fotos oder das Anhören mitgeschnittener Gespräche soll dem anderen Elternteil ein Eindruck vom Verhalten seines Kindes vermittelt werden, wie er es aus dessen Erzählungen nicht kennt. Dies Vorgehen zielt darauf ab, Vorbehalte zu erschüttern und einen neuen Vertrauensaufbau zwischen den Konfliktparteien anzustoßen. Interaktionsbeobachtung aus systemisch-lösungsorientierter Sicht ist somit häufig Diagnostik und Intervention zugleich.

 

Gemeinsames Elterngespräch

Dies ist das zentrale methodische Element jeder systemisch-lösungsorientierten Begutachtung, hier werden die unterschiedlichen subjektiven Wahrheiten beider Eltern zusammengeführt und einer Annäherung nähergebracht. Dabei bewegen sich die Ex-Partner in aller Regel zunächst ausschließlich auf der Paarebene, ihre Kinder spielen – in diesem oft ersten persönlichen Kontakt nach langer Zeit – zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Wird die Paarebene ausgeklammert, können einvernehmliche Regelungen meist nicht erreicht werden oder erweisen sich als wenig tragfähig, denn die Paarebene lässt sich bestenfalls unterdrücken, eine wirkliche „Erledigung“ ist, wenn überhaupt, ohne Dialog der Eltern ausgeschlossen. Dabei hat der SV keine „Angst vor Konflikten“. Eltern, die nicht um ihre Kinder streiten, brauchen keinen Gutachter.

Was die Elternebene betrifft, liegt der Fokus des SV zunächst in der Sensibilisierung der Eltern für die Hoffnung ihres Kindes auf Streitabbau und Einvernehmen. Dazu werden unterschiedliche Wege zur Gestaltung der Nachtrennungsfamilie aufgezeigt und diskutiert, die ggf. durch eigene Vorschläge noch modifiziert werden. Dabei versteht der SV sich mal als Sprachrohr des Kindes, mal als psychologisch geschulter „Übersetzer“ seines geäußerten Willens, handelt es sich hierbei doch häufig lediglich um kindliche Anpassungsleistungen an das umgebende Spannungsfeld hochstrittiger Eltern (Coping).

Sofern keine Einigung erzielt werden kann, wird dem Gericht auch im Rahmen systemisch-lösungsorientierter Begutachtung abschließend eine gutachterliche Empfehlung vorgelegt. Was aufzeigt, dass auch die systemisch-lösungsorientierte Begutachtung letztlich in einer förmlichen „Begutachtung“, d. h. in einer Empfehlung des SV für das Gericht münden kann. Diese Empfehlung wird den Eltern bereits im Elterngespräch als pragmatische Lösung vorgestellt und begründet. So bleibt ihnen bis zuletzt offen, doch noch auf einen gemeinsamen Weg einzuschwenken.

 

 

C. Beantwortung der gerichtlichen Fragestellung

Einigung – Sachverständige Stellungnahme

Haben sich die Eltern geeinigt, wird dies dem Gericht anschließend schriftlich mitgeteilt. Dabei wird, je nach Fragestellung, kurz auf die Aspekte Lebensmittelpunkt, Kontaktgestaltung (Umgang) und Elternverantwortung (Sorgerecht) eingegangen. Zudem bietet sich der SV den Eltern als Ansprechpartner an, damit sie bei zukünftigen Konflikten um ihr Kind den Weg zu Gericht vermeiden können. Danach folgt eine knappe Würdigung des Einigungsverlaufs, verbunden mit einer Einschätzung ihrer Stabilität. Abgeschlossen wird das Verfahren durch übereinstimmende Erledigungserklärung. Eine Anhörung findet nur ausnahmsweise statt.

 

Keine Einigung – Schriftliches Gutachten

Wenn die Elternkonflikte trotz Begutachtung fortbestehen, verbleibt das Kind im familialen Spannungsfeld, ganz gleich, welche Intervention seitens des Familiengerichts erfolgt. Das kann auch der systemisch-lösungsorientierte SV nicht verhindern. In diesem Fall wird ein schriftliches Gutachten erstellt. Der SV formuliert seine gerichtlichen Empfehlungen so, dass zumindest die zukünftige Annäherung „als Eltern“ offengehalten wird. Beispielsweise in der Form, dass unter dem Aspekt ihrer Erziehungseignung eine Aufspaltung der Eltern in „Verlierer“ und „Gewinner“ bestmöglich vermieden wird. Oder indem zumindest die Möglichkeit geschaffen wird, dass die emotionale Beziehung eines Kindes zum nicht betreuenden Elternteil nicht völlig zum Erliegen kommt und zerstört zu werden droht (durch Einbindung des Jugendamtes oder eines Erziehungsbeistands).

Im Hinblick auf die streitverschärfende Wirkung schriftlicher Gutachten verzichtet der lösungsorientierte SV bewusst auf seitenlange Wiedergaben der subjektiven Wahrheiten von Mutter und Vater, die ohnehin nur unterschiedlich ausfallen können. Statt dessen stehen Ausführungen zur familialen Konfliktstruktur, zur Lebenssituation der Eltern, ihren Ressourcen und Kompetenzen im Mittelpunkt. Ebenso erfolgen Erörterungen zur seelischen Lage und psychischen Belastung des Kindes im fortbestehenden Elternkonflikt. Zudem wird für das Gericht aufgezeigt, woran eine Einigung gescheitert ist.

 

Mündliches Gutachten

Um – gerade auch im Fall gescheiterter Einigung – keine weitere Konflikteskalation zu begünstigen, bietet der SV im FamFG-Verfahren ggf. ein mündlich vorgetragenes Gutachten an, das die Prinzipien Mündlichkeit und Beschleunigung aufgreift. In diesem Fall wird meist schon bei der Beauftragung ein Anhörungstermin bestimmt, zu dem der SV sein Gutachten mündlich erstattet. Die Dokumentation seiner Ausführungen erfolgt über das Anhörungsprotokoll oder als richterlicher Vermerk. Auf Wunsch des Gerichts oder eines Beteiligten erfolgt ggf. im Nachhinein eine Verschriftlichung.

Aktuell:

Kritische Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF e.V.) zu den beabsichtigten gesetzlichen Änderungen im SGB VIII für Kinder in Pflegefamilien und Heimen vom 04.05.2017
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Fachtage in 2017
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Inhaltliche und formelle Anforderungen an familienpsychologische Gutachten aus Sicht der systemisch-lösungsorientierten Begutachtung
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Fehlerhafte Gutachten im Familienrecht / Hagener Studie – Stellungnahme des FSLS
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